Cape Clear Island
Kein Land mehr bis Amerika – Irlands südwestlichste Insel
10.09.2009
Renate Oetjens
Der Umriss der mit ihren Klippen hoch aus dem Meer aufragenden Insel Cape Clear war das letzte Stück Heimat, das Auswanderer einst von ihren Schiffen aus sahen, wenn sie Irland mit der Hoffnung auf ein besseres Leben in Amerika hinter sich ließen.
Wenn Cape Clear langsam in der Ferne unsichtbar wurde, blieb der große Leuchtturm Fastnet Rock, der noch ein wenig weiter draußen im Atlantik steht, für kurze Zeit ein letzter Fixpunkt für die Emigranten. Deshalb wird Fastnet Rock auch "teardrop of Ireland", die Träne Irlands, genannt.
Noch heute umweht die Felsen von Cape Clear, dessen gälischer Name Oileán Chléire ist, eine gewisse Dramatik. Dieser südwestlichste Außenposten, der am Rande der Roaring Waters Bay den stürmischen Winden und Wogen des Atlantiks trotzt, scheint der Welt entrückt zu sein.
Delfine, Riesenhaie und Basstölpel: Per Fähre nach Cape Clear Island
Zu erreichen ist das von rund 100 wackeren Menschen bewohnte Eiland nur per Fähre. Ganzjährig verkehren zwei konkurrierende Fährbetriebe vom kleinen Hafen Baltimore aus, im Sommer kann man außerdem vom Ort Schull übersetzen.
Die Fahrt dauert bei gutem Wetter rund eine Stunde – bei stärkerem Seegang auch mal länger – bei schlechtem Wetter ist die Insel, die erst 1973 an das irische Stromnetz angeschlossen wurde, vom Festland abgeschnitten. Die meisten Besucher verzeichnet die Insel jedoch ohnehin im Sommer, und dann ist sie ein irisches Paradies.
Die kleinen Fähren werden auf ihrem Weg aus der Bucht und vorbei an Sherkin Island gelegentlich von Delfinen begleitet, oft sieht man Seehunde und manchmal sogar die gigantischen, aber zum Glück vegetarischen Riesenhaie (Basking Sharks). Weiter draußen im Atlantik ziehen sogar Killerwale und Buckelwale ihre Bahnen.
Am Himmel und auf den Felsen der Bay kann man neben Möwen auch Kormorane und Basstölpel beobachten. Für Zugvögel ist Cape Clear eine willkommene Zwischenstation, und gelegentlich verschlägt es sogar Exoten auf die Insel: Vögel, die von Stürmen aus der Karibik bis hierher getragen wurden und erschöpft auf der Insel notlanden.
Eine bunte Mischung: Die Bewohner und Besucher von Cape Clear
Aus der Luft erinnert der Umriss von Cape Clear in etwa an einen Schmetterling. Darum gibt es an der schmalsten Stelle der Insel zwei relativ geschützte natürliche Häfen. Im nördlichen Hafen machen die Fähren fest und hier befindet sich quasi das Epizentrum des kulturellen Lebens. Und es gibt wohl keinen Tagesbesucher, der den örtlichen Laden in einem umgebauten alten Lagerhaus nicht auch besucht: Lebensmittelgeschäft und Postkartenverkauf, Café und Pizzeria, Kunstgewerbe und Internetcafé – alles unter einem Dach und auf wenigen Quadratmetern, betrieben von einer Insulanerin mit ihrem italienischen Ehemann.
Da man sich auf Cape Clear kaum verlaufen kann, spazieren die meisten Besucher einfach drauf los. Den einen zieht es zur dramatischen Ruine der O'Driscoll-Burg, die verfallen ins Meer ragt. Andere zum sonnenbeschienenen Südhafen, an dem sich auch eine Jugendherberge und ein improvisierter Campingplatz befinden. Viele wollen Cape Clears höchsten Punkt erklimmen, um von hier die gesamte Insel zu überblicken und in der Ferne Fastnet Rock zu betrachten. Von hier hat man auch einen herrlichen Rundblick zurück auf das Festland des County Cork, die Roaring Waters Bay mit ihren bewohnten und noch viel mehr unbewohnten Inseln und den Leuchtturm Mizen Head.
Unterwegs trifft man auch auf den einen oder anderen echten Insulaner: Viele wohnen seit Generationen hier und sind eng mit dem Land und seiner Geschichte verbunden; die übliche Sprache untereinander ist oft Gälisch und nicht unbedingt Englisch. Darum ist Cape Clear auch ein beliebter Platz, um die alte keltische Sprache zu erlernen. Es gibt Sommerkurse, gewohnt wird bei gälischsprechenden Familien.
Doch auch Aussteiger zieht es nach Cape Clear. Nach den exotischen Vögeln, die hier gelegentlich vom Sturm hergeweht werden, nennt man sie liebevoll oder spöttisch „blow-ins“, Herbeigewehte. Ein Engländer ließ sich hier zur Ziegenzucht nieder, seine Farm kann man besichtigen und dort Ziegenkäse und sogar Ziegeneis probieren.
Auch Kreative wie der amerikanische Schriftsteller Chuck Kruger, der sich mit seiner Frau hier niederließ und zum Chronisten der Insel wurde, fühlen sich unter den exzentrischen Individualisten Cape Clears wohl. Das Inselleben sei hart und in der Abgeschiedenheit dieser Insel müsse jeder lernen, sich selbst zu helfen, erklärt er in einem seiner Bücher, und gleichzeitig lerne man den Wert menschlicher Gesellschaft um so mehr zu schätzen.
Kruger ist auch einer der Begründer des alljährlich stattfindenden Storytelling Festivals, bei dem Geschichten vorgelesen und erzählt werden, sowohl auf Gälisch als auch auf Englisch. Zum Geschichten erfinden und bewahren, eine Leidenschaft der Iren, haben die Insulaner offenbar Muße genug.
Wiedersehen mit Cape Clear: Der Traum von der einsamen Insel
Viele Besucher lernen Cape Clear Island auf einem Tagesausflug kennen. Manch einer wandert auf der kleinen Insel, die an Sehenswürdigkeiten kaum mehr als eine Burgruine, einen historischen Friedhof und ein Heimatmuseum zu bieten hat, umher und hat damit genug gesehen von diesem abgeschiedenen Fleckchen Erde.
Doch andere, und nicht wenige, verlieben sich und möchten immer wiederkehren, um über Hügel zu laufen, über Klippen zu schauen und Brombeeren vom Straßenrand zu naschen. Und beim Blick auf den Fastnet Rock und den weiten Atlantik an einem endlos hellen Sommertag wird kein Fernweh wach, denn dies ist für sie der perfekte Ort.
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